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Der Architekt Axel Schultes

von Benedikt Hotze


Krematorium Baumschulenweg, Berlin. Foto: B. Hotze
 

Wollte man dem Manne wirklich Glauben schenken, dann müßten wir ihn uns als den traurigsten Architekten Deutschlands vorstellen. Er sitzt in seiner Studierstube am Berliner Lützowplatz, ganz oben unter einem gebogenen Glasdach, und spricht von lauter "mißglückten Projekten", von "Müdigkeit", vom "Leiden an der Stadt" - gemeint ist natürlich "unsere Möchtegern-Metropole" Berlin - und vom erlittenen "Schiffbruch" beim Materialkonzept für sein jüngstes Opus. "Wäre unser Gesamtprojekt für die Bonner Museumsmeile damals realisiert worden", orakelt unser unzufriedener Protagonist über eine anderthalb Jahrzehnte zurückliegende städtebauliche Planung, "dann wäre ich seitdem ein internationaler Star". Angesichts von so viel vergangenen und kommenden Ungemach rezitiert er schon in seinem Buch von 1992, gleich neben seiner Vita, resigniert: "Mich wundert, daß ich so fröhlich bin".

Wir wundern uns auch. Denn diese Anleitung zum Unglücklich-Sein stammt keineswegs von einem namenlosen Pechvogel, sondern von einem der profiliertesten deutschen Architekten der "mittleren" Generation. Als Schöpfer des neuen Bundeskanzleramts im Berliner Spreebogen, das gegenwärtig der Vollendung entgegensieht, genießt Axel Schultes eine durch unzählige Presse- und Fernsehbilder in jede Wohnstube getragene Präsenz - unvergessen sind die Bilder, die ihn mit seiner jugendlichen Partnerin Charlotte Frank neben dem dicken Altkanzler am Modell des Neubaus zeigen. Schultes, der Mann mit dem notorisch hochgeschlagenen Hemdkragen, avancierte damit fast schon zum Pop-Star der deutschen Architekturszene.

Doch das alles interessiert ihn nicht sonderlich. Er ist kein Politiker, und er will auch kein Pop-Star sein. Er ist Künstler-Architekt. Wie seine Entwürfe, so auch ihr Urheber: Schultes gilt als eigenwillig und radikal. Manche sagen sogar, er sei ein bißchen verrückt.

Den Kragen trägt er laut Selbstauskunft nur deshalb stets hochgeschlagen, damit sich die Kordel seiner Lesebrille nicht darin verhakt. Was auch immer tatsächlich hinter dieser inszeniert biedermeierlich wirkenden Marotte seiner Garderobe stehen mag - sie sollte keineswegs als Reminiszenz an Karl Friedrich Schinkel mißverstanden werden. Denn der preußische "Oberrestaurator", auf den sich heute fast alle tonangebenden Berliner Architekten ehrfurchtsvoll berufen, bekommt von Schultes allenfalls milden Spott ab. Schultes hält sich nicht für den Nachfolger Schinkels - er hält sich für besser. Wo Schinkel "es soviel nobler fand, die neuen Kreationen schön frei in die Geographie zu komponieren" - also bezugslose Solitärbauten zu errichten -, wo Schinkel "seine italienischen Vor-Bilder, in Reiseskizzen gequetscht, entfremdet ihrem urbanen Milieu im märkischen Sand abstellte", da will Axel Schultes endlich anständige urbane Räume schaffen. "Stadtraum" ist das Schlüsselwort zum Verständnis seiner architektonischen Obsession. Und bei diesem Thema ist er kompromißlos sendungsbewußt - bis hin zum kalkulierten Coup.

War doch beim Spreeinsel-Wettbewerb im Jahre 1994 wieder einmal nicht auf ihn gehört worden, da lancierte er ein schäbiges kleines Gipsmodell mit vergilbtem Schreibmaschinen-Etikett in kyrillischer Schrift an die Öffentlichkeit. Von Schinkel persönlich stamme dieser sensationelle Entwurf, der im Fundus der russischen Beutekunst aufgefunden worden sei, erläuterte Schultes der staunenden Presse. Kaum überraschend, daß dieser "Schinkel" für den Berliner Schloßplatz verdächtig nach Schultes' eigenem Wettbewerbsentwurf aussah - hatte er dieses Modell doch selbst gefälscht.

Warum nur nimmt ein Schinkel-Verächter ausgerechnet Zuflucht bei Schinkel? Weil dieser "die einzige Autorität" sei, "auf die Berlin - und Bonn - noch hören mag". Natürlich habe Schinkel diesen radikalen Entwurf, der zugunsten einer "fast südlichen Platzfolge" einen "waghalsigen Schnitt in die Hohenzollernburg" - also in das barocke, 1950 abgerissene Berliner Stadtschloß - vorgesehen hätte, niemals veröffentlichen dürfen: "Das hätte ihm sein schönes Amt gekostet!"

Der freischaffende Architekt Axel Schultes hatte kein Amt zu verlieren, aber sein Coup blieb trotzdem ohne Folgen; das Feuilleton-Publikum betrachtete ihn als eine Art charmanten Aprilscherz.

Einige Jahre später möchte der mittlerweile installierte neue Kanzler beim Blick auf den Berliner Schloßplatz gern eine Kopie des alten Schlosses sehen. Die Gefahr, daß dieses monströse, ahistorische Ansinnen durchgesetzt wird, scheint sich gegenwärtig nur noch durch den Mangel an Finanzmitteln abwehren zu lassen. Falls es zu einem Realisierungswettbewerb für den ebendiese Schloßplatz-Bebauung kommen sollte, wird Schultes unbeirrbar wieder dabei sein: mit einer chancenlosen Replik seines ge"fake"ten Schinkel-Konzepts. Es scheint, als ob die Existenz von Verrückten der Architekturdiskussion in Berlin gelegentlich ganz gut tut...

Aus der berüchtigten Berliner Architekturdebatte des Jahres 1994, in der es um Stein, Glas und Traufhöhe, um Moderne versus Neuteutonia, letztlich um Gut oder Böse ging, hat sich Schultes weitgehend herausgehalten. Zu eigenständig ist seine architektonische Position, zu beschäftigt dürfte sein Büro in jenen Jahren gewesen sein. Denn 1992/93 hatte es zwei bedeutende Wettbewerbe gewonnen: Das Berliner Zentralkrematorium Baumschulenweg und natürlich die Neuansiedlung des Parlaments- und Regierungsviertels im Berliner Spreebogen.

Unter 835 Einreichungen aus aller Welt für diesen Wettbewerb wählte die Jury zielsicher Schultes' städtebaulich so eingängig-bildhafte Struktur aus, die als 102 Meter breites "Band des Bundes" den Ost- mit dem Westteil Berlins verbindet, von Moabit bis Mitte, vom Schloß Bellevue bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Für Schultes ein Erfolg im zweiten Anlauf: Für den Wettbewerb des - später dann nicht gebauten - Deutschen Historischen Museums hatte er im Jahre 1988 für nahezu das selbe Grundstück - und den selben Bauherrn! - bereits eine ähnliche Figur vorgeschlagen, die sich damals natürlich auf den Westteil Berlins beschränken mußte. Reibungslos klappte nun die Adaption an die neue Aufgabe und das erweiterte Baugrundstück; einhellig war die Zustimmung zu diesem Modell, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachkritik.

Die strenge Struktur des Entwurfs, "der Härte der Stadt, ihrer Stadtgeschichte angemessen" (Schultes), sollte einem vermuteten Wiederholungswunsch nach einem "zweiten Bonn im Tiergarten" entgegengesetzt werden. Kanzleramt, Bundestag und Bundesrat sollten in Berlin keineswegs, wie noch in Bonn, "lässig, wie Kühe auf der Weide gruppiert" werden. Schultes wollte auch hier, im "noch unstrukturierten", nach dem Krieg freigeräumten Spreebogen, Stadträume statt solitärer Monumente schaffen. Das Preisgericht folgte ihm: "In diesem Entwurf entsteht eine überzeugende Einheit des gesamten Parlamentsviertels. Das Projekt stellt eine eigenwillige und kraftvolle städtebauliche Struktur dar, die eine anspruchsvolle Vorgabe für die weiteren Architekturwettbewerbe ergibt."

Tatsächlich ist es gelungen, in den nachfolgenden Realisierungswettbewerben für einzelne Bauteile des Ensembles die städtebauliche Grundidee erkennbar zu halten. Die Konkurrenz um die Bundestagsbüros im Alsen- und Luisenblock, einem Teilbereich des "Bandes des Bundes", gewann der Münchener Architekt Stephan Braunfels, auch er ein sendungsbewußter, schwieriger Baumeister.

Schultes selbst hatte beim Realisierungswettbewerb für das Bundeskanzleramt, dem eigentlichen Filetstück der Anlage, zunächst eine Zitterpartie zu erdulden, hatte sich doch die Jury nicht auf einen ersten Preis festlegen wollen, sondern den entsprechenden Wettbewerb mit einem Patt enden lassen. Neben Schultes belegte das junge, aus dem Ostteil Berlins stammende Büro Krüger, Schubert und Vandreike einen gleichrangigen Preis - mit einem Entwurf, der zwar eine letzlich ähnliche Baukörperverteilung vorschlug, jedoch gegenüber den raffinierten, aus geometrischen Grundkörpern herausgemeißelten Raumskulpturen Schultesscher Prägung eher wie eine tumbe, neoklassizistisch anmutende Repräsentationsburg wirkte. Helmut Kohl entschied sich schließlich (wohl gegen seine persönliche Überzeugung) für Schultes. Es heißt, dies sei nicht zuletzt durch eine Empfehlung des Wiener Architekten Gustav Peichl geschehen, von dem bekannt ist, daß er das offene Ohr des Kanzlers genoß.

Ausgerechnet Peichl! In der Rückschau auf seine "mißglückten" Projekte vergißt Schultes nie, die Bonner Museumsmeile zu nennen - bei der Peichl eine entscheidende Rolle spielte: Ganz analog zum Spreebogen hatte Schultes bereits hier versucht, durch eine längsgerichtete, hart abgegrenzte Baufigur eine Abfolge städtischer Räume hinter einer durchgehenden Umfassungswand zu schaffen. Später fiel an ihn nur die Realisierung des Kunstmuseums - eines phantastischen Baus übrigens, mit dem Axel Schultes in die Reihe der ganz bedeutenden Architekten des Landes aufrückte. Doch nebenan unterlief Gustav Peichl mit seiner Bundeskunsthalle Schultes' städtebauliche Vorgabe; zwischen beiden nun als Solitäre erscheinenden Museen enstand eine leere Freifläche.

Ironie des Schicksal, daß etwas Ähnliches beim Berliner Band des Bundes erneut eintreten wird: "Verhackstückt - wie in Bonn" sieht Schultes seine Spreebogen-Idee. Denn zwischen dem Bundeskanzleramt und dem Alsenblock, also im Zentrum der Anlage, wird ebenfalls eine riesige Freifläche bleiben. Für eine bauliche Ausgestaltung dieses "Forums des Bundes" fehlt zur Zeit das Geld.

Das benachbarte Kanzleramt dagegen bildet schon in der Rohbauphase eine bemerkenswert gewaltige Baumasse. Zwischen zwei langen Verwaltungsflügeln, die die äußere Kontur des "Bandes des Bundes" begrenzen und mit ihren abgeschrägten Spitzen bis hart an das Spreeufer reichen, ist etwa im östlichen Drittelspunkt der Anlage das deutlich höhere, kubische Hauptgebäude eingestellt.

Besonders für dieses Gebäude hat es während des Planungsprozesses eine Reihe von Varianten und Umplanungen gegeben, die nach Meinung vieler Kritiker die skulpturale Klarheit des ursprünglichen Entwurfs nicht mehr erreichten. Man wird Schultes aber zugute halten müssen, daß viele der Änderungen durch die Nutzungsanforderungen und Repräsentationsansprüche des Bauherrn erzwungen wurden. Was hat der arme Architekt da nicht alles vorgeschlagen (und verworfen) - von riesigen Bullaugen bis zu einer Betonfassade aus einem stilisierten Baum, der das Staatsziel "Umweltschutz" symbolisieren sollte...

Allein die schiere Höhe des zentralen Hauptgebäudes, das im städtebaulichen Entwurf ursprünglich als primus inter pares nicht über die Traufhöhe der Randbebauung herauswachsen sollte, erreicht nun die Höhe der Ecktürme des nahegelegenen Reichstags. Die zum Tiergarten weisenden Seitenfassaden nach Norden und Süden werden künftig von je einem flachen Kreissegmentbogen geschmückt; die Fassaden nach Osten und Westen, zum "Cour d'honneur" (!) und zum "Kanzlergarten", bestehen dagegen aus einer Abfolge von amorph geformten Betonsäulen, die Schultes seine "dicken Kinder" nennt, und die den Besucher sanft ins Gebäude ziehen sollen.

Auch wenn der endgültige Entwurf unbestreitbar repräsentativere Züge erhalten hat, muß man Schultes dabei nicht unbedingt einen politischen Paradigmenwechsel unterstellen, wie es der Kritiker Wolfgang Kil tut: Kil schließt aus dem Vergleich zwischen Günter Behnischs gläsernen Bonner Plenarsaal (Fertigstellung: 1992) und Schultes' "Apparatefestung" (Wettbewerbsentwurf: 1992) auf ein dramatisch gewandeltes Selbstverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft nach der Wiedervereinigung, das Schultes adäquat abbilde. Während Behnischs "absichtlich improvisiert wirkende Architektur allen traditionellen Typologien und Statusformeln eine Absage" erteile, belege der Schultes-Entwurf, daß "Signifikanz und schiere Größe, ja sogar Pathos jetzt durchaus wieder erwünscht" seien. Der Architekt habe zudem, so Wolfgang Kil, demokratische Ideale, die noch in seinen ersten Entwürfen zu erkennen gewesen seien, in der Weiterbearbeitung willfährig über Bord geworfen.

Sicher provoziert Schultes eine solche Interpretation, da er zu jeder Entwurfsvariante unnötigerweise "politisch" anmutende Erklärungen, Zitate und Aphorismen hinterherzuschieben pflegt. So wollte er schon mit seinem ersten Spreebogen-Entwurf (in Abwandlung der Inschrift auf dem Reichstagsgebäude von 1919) "dem Deutschen Volke Staat zeigen" - eine Provokation für die Generation derer, die von staatstragenden Pathosformeln ein für alle Mal die Nase voll hatten.

Doch Schultes ist Baukünstler; als Staatstheologe muß er scheitern. Er verwendet eine ganz eigene architektonische Formensprache, die sich hergebrachten Symboliken der Macht entzieht - sie speist sich aus den Vorbildern des Architekten, die man im alten Ägypten und beim amerikanischen Großmeister Louis Kahn finden kann.

Dies belegt ein Blick auf sein gleichsam "nebenbei" entstandenes Krematorium im Berliner Ortsteil Baumschulenweg, das kürzlich fertiggestellt wurde und trotz vollkommen anderer Bauaufgabe durchaus als ein "kleines Kanzleramt" gelesen werden kann: Zwischen zwei harten Bauriegeln in Sichtbeton ist eine hohe Halle einbeschrieben, die durch einen Wald von unregelmäßig verteilten Stützen gegliedert wird. Licht strömt von oben durch Aussparungen rund um die Kapitelle ein. So entsteht eine eindrückliche, unbedingt sakrale Anlage, die aber keinerlei Bezüge zur tradierten christlichen Ikonographie oder Bautypologie herstellt. Jeder Versuch, diese Architektur damit zu vergleichen, müßte fehlschlagen. Schultes ist ein "archaic modernist", wie ihn ein englischer Kritiker einst bezeichnet hatte. Diese sture Festlegung auf ganz eigene Bild- und Raumvorstellungen, die durch "Einkerben, Aushöhlen und Durchschluchten" gekennzeichnet sind, wie der Kritiker Wolfgang Pehnt schrieb, macht Schultes so stark. Daß er damit meistens aneckt und oftmals scheitert, liegt in der Natur der Sache. Aber das weiß er ja selbst: "Mich wundert, daß ich so fröhlich bin."
 

Erstveröffentlichung in "ZEIT-Punkte", 24. Juni 1999 (ZEIT-Verlag Gerd Bucerius)
Der Text hier folgt meinem Manuskript.

Copyright 1999 by Benedikt Hotze


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